Neun Tage St. Petersburg, Versuch eines Resümees

Schwer haben wir uns getan, unsere Eindrücke über einen der Höhepunkte unseres diesjährigen Sommertörns mit unserer Segelyacht Aquamarin in Worte zu fassen. Wir wissen, neun Tage reichen bei weitem nicht aus, um die Pracht dieser Stadt und ihrer beeindruckenden Monumentalbauten auch nur annähernd vollständig zu erfassen und das Leben auf ihren Straßen und Plätzen wirklichkeitsnah zu beschreiben. Schon gar nicht ist diese europäisch elegante Metropole mit ihrer russischer Seele in diesen wenigen Tagen zu verstehen, auch wenn ich schon einmal im Jahr 1969 eine Woche in St. Petersburg (damals noch Leningrad) verbracht habe.

Im Gegensatz zu meinem Besuch 1969 haben wir uns diesmal den Weg nach St. Petersburg nicht als normale Touristen im Rahmen einer geführten Tour, sondern auf eigenem Kiel und damit auf die schwierigste und wohl derzeit komplizierteste Art und Weise erobert. Gegenwärtig laufen etwa 30 deutsche Segelyachten im Jahr die Stadt an der Newa an. Nach unseren Beobachtungen ist jedoch für die meisten Crews der Weg das Ziel und dementsprechend kurz ist nur der Aufenthalt. Wir haben uns etwas mehr Zeit genommen und St. Petersburg zu Fuß, mit unseren Bordfahrrädern, mit dem Bus und dem O-Bus, der U-Bahn und auch mit dem Auto erkundet und viele schöne, aber durchaus auch einige weniger schöne Seiten dieser Stadt kennengelernt. Dabei haben wir mit unseren Fahrrädern auch Stadtteile abseits des Zentrums besucht, die geführte Touristen auf keinen Fall zu sehen bekommen. Aber erst einmal mußten wir mit unserem Boot nach St. Petersburg kommen und das ist bekanntermaßen immer noch recht kompliziert:

Man benötigt eine Einladung, für Segler empfiehlt es sich, diese über die St.-Petersburger Repräsentantin der Kreuzerabteilung im DSV zu besorgen, beantragt dann für die Einreise mit einer Segelyacht die notwendigen Besuchsvisa und belastet damit die Reisekasse mit den ersten 240.- Euro (für zwei Personen, bei genügendem zeitlichen Vorlauf, sonst wird es teurer!). Das Visum gilt dann ab dem ausgerechneten und angegeben Einreisedatum für genau einen Monat. Früher darf man nicht einreisen, bei Verspätungen kann es insbesondere bei schlechten Wetterverhältnissen eng werden. Unser Visum gilt vom 25. Juni bis zum 25. Juli 2007. Wir wählen die Anreise über Polen, Litauen, Lettland, Estland und Finnland. Der Reiseweg und die einzelnen Stationen lassen sich in unserem Logbuch nachverfolgen. Am 25. Juni sind wir pünktlich in dem, der russischen Grenze am nächsten liegenden finnischen Ausklarierungshafen Haapassaari und kündigen fernmündlich unseren Start für den selben Nachmittag bei der St. Petersburger Stützpunktleiterin, Tatiana Bykowa, an. Wir erhalten das o.k. und gleichzeitig den Hinweis, dass -wegen einer großen Militärshow im Peterburger Hafen- eine Ein- und Ausreise für Yachten während der Zeit vom 27. Juni bis einschließlich 1. Juli nicht möglich sein wird. Zoll- und Grenzabfertigung liegen während dieser Tage unerreichbar innerhalb eines Sperrgebiets!

Seit 2007 wird die Einklarierung nicht mehr im "Fort Konstantin" auf der Insel Kotlin/Kronstadt vorgenommen, sondern am Passagierschiffkai direkt in St. Petersburg. Diese Veränderung verlängert die An- und die Abreise nicht nur um jeweils 10 unnütze Seemeilen auf 110 sm von und bis Haapassaari/Finnland und bringt zusätzlich auch die Gefahr von willkürlichen Sperrungen, wie vom 27.6. bis zum 1. Juli dieses Jahres, mit sich. Was passiert wäre, wenn wir am 27. ohne jede Vorinformation in St. Petersburg angekommen wären, bleibt unklar. Hätte man uns die 110 sm zurückgeschickt? Auch bei Sturm oder Starkwind? Allein der Gedanke daran erzeugt eine Gänsehaut und macht unmittelbar klar, dass man auf die Zuverlässigkeit der russischen Behörden nach wie vor nicht vertrauen kann. Dass der Einklarierungsplatz am Passagierschiffkai absolut unakzeptabel, ja sogar gefährlich ist, habe ich in unserem Logbuch (St. Petersburg I) bereits beschrieben und auch mit Fotos belegt. Der Platz ist für diese Stadt einfach unwürdig und spätestens jetzt stellt man sich die Frage, ob man eigentlich als Gast willkommen ist. Das gilt auch für die Dienstzeiten: Passkontrollen finden rund um die Uhr statt, der Zoll fertigt lediglich zwischen 10:00 und 19:00 Uhr (Moskauer Zeit) ab. Wenn dann noch ein Lustdampfer mit vielen Passagieren dazwischen kommt, dann gute Nacht Marie! Was dieser Unsinn in einem Land soll, in dem inzwischen jeder Frisör fast rund um die Uhr geöffnet hat, konnte mir schlüssig niemand erklären. Der Schwachsinn hat hier jedoch Methode und mit Logik kommt man gegen diese postsozialistische Behördenwillkür ohnehin nicht an. Im übrigen interessiert das hier niemanden, es wird einfach wie von Gott gewollt hingenommen.

Für den ausländischen Segler heißt das zwingend, den Starttermin in Finnland oder Estland und die Ankunftszeit in St. Petersburg genau zu planen und alle möglichen Eventualitäten einzurechnen. Der Törn führt über mehr als 100 Seemeilen ziemlich genau in West-Ost-Richtung, die Strecke ist gekennzeichnet durch Zwangswege, Funk-Meldepunkte (Insel Sommers, Kronstadt), durchgehende Verkehrstrennungswege und zusätzlich durch reichlich Sperrgebiete. Unterwegs einen Hafen anzulaufen ist ausgeschlossen. Wir mussten z.B. auf unserem Hinweg fast ausschließlich motoren, hatten dann jedoch auf der Rücktour Glück, da wir mit achterlichem Wind, wie zum gerechten Ausgleich, über 100 sm entspannt segeln konnten.

Wir hatten keine Wahl: Für uns kam wegen der Militärshow im Hafengebiet, allein die Marina des River-Yachtclubs auf Petrovsky-Island infrage: Stadtnah (ca. 5 km vom Winterpalast entfernt) gelegen, innerhalb eines bewachten Areals und durch O-Bus und U-Bahn (ca. 500m bzw. 1,5km zu Fuß) verkehrsmäßig annehmbar erschlossen. Die Sanitäranlagen sind nicht akzeptabel, Strom und Wasser gibt es am Steg. Über den Zustand der älteren Stege sollte allerdings der Mantel der Nächstenliebe gedeckt werden. Trotz eines guten Internetauftritts des River-YC in englischer Sprache gibt es im Hafen keine Möglichkeit zur Internetnutzung und schon gar kein W-Lan. Auch Wetterberichte: Fehlanzeige. Das Hafenentgelt hat dagegen mit zwei Euro pro Schiffsmeter und Nacht (für uns 28 €/Nacht) durchaus schon westeuropäischen Standard. Direkt am Hafen gibt es ein erstklassiges Restaurant, allerdings auch mit kaum bezahlbaren Spitzenpreisen. Die großvolumigen Mercedes- und BMW-Limousinen, die abends dort vorfahren, sprechen für sich. Auch mit dem Privathubschrauber läßt man sich dort sehr gern zum Speisen einfliegen. Direkt daneben gibt es, am Wasser gelegen, eine weitere und sehr ansprechende Sommergaststätte mit Bar, häufig Live-Musik, mit vielen netten Ideen (Liegen, Hängematten, Kissen, Decken) und vertretbaren Preisen. Ein Müllcontainer ist vorhanden, wird jedoch nicht geleert. Stattdessen findet täglich eine private Müllverbrennung statt, die wahrscheinlich Gebühren spart und die Luft je nach Windrichtung verpestet. Anstoß nimmt daran niemand, da ohnehin jeder seinen Dreck grundsätzlich in die Gegend wirft.

Zar Peter dem Großen und seiner Vision einer Anbindung an Europa verdankt die Welt diese ungewöhnliche Stadt. Im Mündungsdelta der Newa und zum Teil auf Sumpf gebaut, hat er sie, anders als gemeinhin angenommen, nicht nach sich selbst, sondern nach dem Apostel Simon Peter benannt. Wem die Zeit zur Verfügung steht, sollte sich unbedingt und mindestens die Keimzelle der Stadt, die Peter- und Pauls-Festung mit Kathedrale und Zarengräbern, den Schloßplatz mit Winterpalast und Admiralität sowie die Isaaks-Kathedrale, die viertgrößte Kirche der Welt, ansehen. Daneben darf der Newski-Prospekt mit seinen vielen Theatern, Kirchen, neuen Kaufhäusern, Geschäften und Restaurants nicht ausgelassen werden. Dort brummt der Bär und der Verkehr; mit 100 Sachen durch die Stadt ist hier scheinbar Pflicht! Eine abendliche Bootstour vom Gribojedowa-Kanal am Newski-Prospekt aus, vorbei an der Auferstehungskirche sowie den die Wasserstraßen und die Newa säumenden prächtigen Bürgerhäusern, Denkmälern und Palästen, empfiehlt sich genauso, wie Ausflüge per Tragflächenboot zum Sommerpalast Peterhof oder mit dem PkW nach Zarskoje-Selo zum Katharinen-Palast, mit dem rekonstruierten Bernsteinzimmer. Der Besuch einer Vorstellung des Mariinskij-Theaters war für uns einer der Höhepunkte unseres Aufenthalts in St. Petersburg. Neben diesen Vorschlägen gibt es eine solche Vielzahl unterschiedlichster Sehenswürdigkeiten und Museen, dass man Wochen benötigen würde, um nur einen ungefähren Überblick zu erhalten.

Wir haben aber auch Vorstädte und monotone Hochhaussiedlungen aufgesucht, die sich für unser Verständnis zwar in recht trostlosem Zustand befanden, sich letzten Endes jedoch deutlich besser als von uns befürchtet präsentierten. Das Ausmaß der Zerstörungen hielt sich in Genzen, mit den vielen umgebenden Grünanlagen hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Wie sich überhaupt St. Petersburg durch ungewöhnlich viele und sehr gepflegte Grünanlagen, Parks und Freizeitanlagen auszeichnet. Die überall aus dem Boden schießenden großen Einkaufszentren haben von der Aufmachung und vom Angebot her absolut internationalen Standard!

Anders als in den meisten Stadtprospekten dargestellt, haben wir von der angeblichen Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der St. Petersburger nur in Ausnahmefällen etwas bemerkt. In der Regel, auf die wir uns erst einstellen mussten, begegnete uns Gleichgültigkeit als mildeste Form, Umdrehen und Wegschauen. Grüße wurden fast ausschließlich nicht beantwortet, Blickkontakt nicht aufgenommen. In den Geschäften und Restaurants war eher unfreundliches und beinahe widerwilliges Bedienen an der Tagesordnung (Kunde droht mit Auftrag). Wir haben uns daran gewöhnt, einige Restaurants oder Geschäfte einfach wieder verlassen, uns nicht geärgert, sondern den Spieß umgedreht und uns eher über soviel Zurückhaltung (auch hier wählen wir die milde Beschreibung) gegenüber Ausländern amüsiert. Gewöhnungsbedürftig ist auch der absolut rücksichtslose und agressive Fahrstil auf den Straßen. Zu schnell, bei Rot über die Ampel ist an der Tagesordnung, Fußgänger sind auch auf dem Zebrastreifen nicht sicher, sondern Freiwild. Hier heißt es aufzupassen. Der Zustand der Straßen und Gehwege würde bei uns die Gerichte pausenlos beschäftigen und blockieren.

Erfreut haben uns die vielen Musikdarbietungen auf den Straßen, in den Parks und Restaurants. Es wird viel gefeiert und dabei auch viel getrunken. Häufig hatten wir den Eindruck, dass St. Petersburg sich während der weißen Nächte im Ausnahmezustand befindet. Partys überall, Feuerwerk jeden Abend und an allen Ecken der Stadt. Wohl unabhängig davon, ist es offensichtlich nicht anstößig, mit einer Bierflasche in der einen und der Zigarette in der anderen Hand durch die Stadt zu gehen. Beides landet dann zumeist irgendwann auf der Straße und seltener in den eigentlich immer vorhandenen Abfallbehältern. Auffällig ist auch der Protz derer, die Geld haben und dies und ihre gestylten und hochhackigen jugendlichen Gespielinnen auch gern und (für uns) unangenehm aufdringlich zur Schau stellen.

Zum Schluss noch: Bedroht oder unsicher fühlten wir uns an keiner Stelle, wir sind auch nicht ansatzweise mit irgendeiner Art von Kriminalität in Berührung gekommen. Auch unsere Segelyacht war scheinbar sicher untergebracht. Wir hätten wenig Bedenken gehabt, sie einige Tage allein zu lassen und -eigentlich geplant- auch das Landesinnere zu besuchen. Das außergewöhnliche St. Petersburg war für uns unter dem Strich die Reise und auch das "Abenteuer" der beschwerlichen Anreise wert. Wir würden gern wiederkommen, wenn irgendwann der bürokratische Aufwand entfiele und auch die nervige Anreise durch Unterbrechungsmöglichkeiten entspannter gestaltet werden könnte.

Hier geht es zurück zu unseren Logbuch-Aufzeichnungen:

St. Petersburg I           St. Petersburg II         St. Petersburg III

 

Und hier geht es weiter mit Finnland...