Von Pavilosta nach Ventspils (Windau) /Lettland

Donnerstag, 14. Juni 2007

Die Sonne scheint aus einem diesmal leicht verhangenen Himmel, es ist etwas kühler als in den letzten Tagen und Wochen und -zum ersten Mal seit unserem Start- haben wir brauchbaren Wind, es bläst aus SW mit 4-5 Windstärken. So lautet auch die Vorhersage. Um 10:00 Uhr legen wir ab und steuern erst einmal die ca. 300 Meter entfernte Tankstelle an, die absolut neu, einen selten zuverlässigen Eindruck macht. Statt der erwarteten 250 Liter Diesel, geht der Tankstelle nach 120 Litern der Sprit aus. Allerdings haben wir mit knapp 600 Litern im Tank einen ausreichenden Vorrat.

Um 10:40 Uhr geht es dann wirklich los. Wir melden uns über Kanal 12 bei Border Controll auf englisch in Pavilosta ab und passieren die schmale Hafeneinfahrt. Draußen erwartet uns eine ausgeprägte Dünung, die Wellenhöhe schätzen wir auf 2-3 Meter. Die Welle läuft original Kurs Ventspiels! Es wird ein Schlingerkurs. Wir nehmen nur die große Genua und laufen mit 16° etwas über 6 Kn über Grund. Die mögliche Alternative, mit etwa 350 stabiler zu segeln, verwerfen wir wegen des längeren Weges. Die letzte Stunde können wir, nach Rundung eines Flachs mit 63° und damit deutlich stabiler segeln. Allerdings hat zwischenzeitlich der Wind mit Böen von 6 Bft. zugelegt, die Wellen brechen sich jetzt häufig unter dem Schiff und werden immer höher. Mehrere hundert km Anlaufweg in der zentralen Ostsee machen sich hier, anders als vor der deutschen Küste deutlich in der Wellenhöhe bemerkbar. Dafür liegt unsere Fahrt über Grund, mit zwischenzeitlich gereffter Genua, permanent im Bereich zwischen 7,5 bis 8,5 Kn! Bereits um 15:15 Uhr erreichen wir den Hafen von Ventspils, rollen die Genua ein und fahren mit Volldampf durch die scheinbar "kochenden Grundseen" unmittelbar in der Hafeneinfahrt. Geschafft! Wir melden uns über UKW-Kanal 9 bei Ventspils-Traffic  an und bekommen die Erlaubnis zur Enfahrt. Wir haben 36,9 sm in nicht einmal fünf Stunden zurückgelegt, davon 35,3 sm unter Segeln und nur 1,6 sm mit dem Motor. So könnte das Verhältnis immer aussehen.

Was jetzt kommt, sollte besser anderen Crews passieren

Um 15:26 Uhr (unser Plotter dokumentiert die Wege und Zeiten exakt) gibt es doch noch Kompikationen. Wir wollen im Yachthafen an einer Mooringtonne festmachen, die ca 25 Meter vom Steg entfernt liegt und die wir auch zu fassen bekommen. Ich habe mich jedoch mit der Entfernung verschätzt und nur eine 10-Meter-Leine mit dem Patenthaken eingehängt. Bettina ist am Steuer, fährt langsam auf den Steg zu und irgendwann halte ich das Ende der Leine in der Hand und kann sie natürlich nicht halten. Bei sehr starkem Querwind vertreiben wir sofort und können nur noch (durch Bugstrahl) das Zusammenstoßen mit anderen Yachten verhindern. Wir verheddern uns jedoch hoffnungslos in den Mooringleinen bereits festgemachter Boote. Das Chaos ist garnicht zu beschreiben. Wir hängen fest, nichts geht mehr. Nach 10 Minuten kommt uns der Hafenmeister nach Kopfsprung und 30 Meter stilistisch einwandfreiem Kraulen (Wassertemperatur 13,9 ° Celsius) zu Hilfe, bekommt uns aber auch nicht frei. Jetzt kann' teuer werden. Er will weitere Hilfe (Taucher) anfordern, was ich erst einmal mit meinem Hinweis "bin selber Diver" verhindern kann.

Er schwimmt zurück und ich mache mich jetzt in Ruhe und durchdacht ans Werk. Tauchutensilien heraussuchen, alles überprüfen, zusammenbasteln, Anzug und Schuhe anziehen und irgendwann geht ins und unter Wasser. Bin dann ca. 40 Minuten unter dem Schiff beschäftigt, bis mir ohne Messer und sonstigem Werkzeug das langsame Entwirren der um die Schraube und Welle vertörnten Leinen (fest wie Stahlseile) gelingt und damit unser zuvor an einer Mooring gesichertes Boot freikommt. Über eine leicht beschädigte Festmacherleine eines anderen Bootes hinaus gibt es keine weiteren Schäden. Nächste Aktion, wieder an Bord klettern, Klamotten runter, umziehen und über das Anlegemanöver nachdenken. Es ist jetzt 18:00 Uhr und der Wind hat weiter zugenommen. Dann versuchen wir es erneut und diesmal schaffe ich den Festmacherknoten nicht, wir vertreiben wieder (aber mit ausgekuppeltem Motor) und hängen sofort in Mooringleinen fest. Das darf doch alles nicht wahr sein! Innerhalb von etwa 10 Minuten rutschen wir langsam über verschiedene Leinen, hängen fest, lösen uns wieder und kommen irgendwann frei.

Dann mit zitternden Knie, diesmal muss es gelingen, fährt Bettina wieder Richtung Steg. Irgendwie schaffe ich im Vorbeifahren mit einem "Notknoten" Aquamarin an der Mooringtonne festzumachen und unser Manöver gelingt im dritten Anlauf. Der ganze Hafen hatte mehr als zwei Stunden viel zu sehen, ein Finne sagte später lachend zu Bettina: It was a great show! Sie ließ sich anschließend nicht mehr blicken. Wie es auch sei, so etwas kann immer passieren und letzten Endes haben wir uns doch noch achtbar aus der Affäre gezogen. Das nächste Mal verlangen wir Eintrittsgeld! Der Hafenmeister bekam von mir als Dank für seinen Einsatz die einzige Flasche Champagner, die wir an Bord hatten und nachher waren alle zufrieden.

An diesem Tag folgt nur noch langes aufräumen und ein früher Gang in die Koje.

Freitag, 15. Juni 2007

In der Nacht pfeift es mit 7-8 Windstärken und wir stehen erst um 11:00 Uhr auf. Früh um 07:00 Uhr sind mehrere Segelboote aus Estland eingelaufen, die über Nacht eine sehr stürmische Überfahrt gehabt haben müssen. Offensichtlich eine Regatta. Die Crews sitzen bereits kurz nach dem Anlegen Bier trinkend in der Sauna. Andere Länder, andere Sitten. Es ist sonnig, jedoch frisch und der Wind hat deutlich nachgelassen. Wir machen uns nach dem späten Frühstück mit dem Fahrrad auf den Weg in die Stadt, die etwa 40.000 Einwohner hat, sehr gepflegt oder besser richtig herausgeputzt aussieht und viele kommunale Einrichtungen für Kinder und Jugendliche (haben hier einen sichtbar höheren Stellenwert, als in Deutschland) besitzt, an die bei uns nicht zu denken wäre. Schwimmhalle, Freibad, Sporthalle, Basketballhalle, eine internationalen Ansprüchen genügende Leichtathletikhalle, ein schmuckes Stadion, ein riesiger Skaterpark, eine Winterskateranlage und als Krönung ein künstlicher Skiberg. Beindruckt hat uns die ganze Stadt, besonder aber auch ein Kinderspielpark, wie wir in noch nirgends gesehen haben (übrigens ohne Eintritt, s. Fotos weiter unten).

Am Abend sind Hannelore und Achim Mechel aus Berlin bei uns an Bord. In der Heckleine ihrer HR 33 Bummler hatten wir uns gestern verfangen. Es wird ein netter Abend und wieder sehr spät.

Morgen soll es weiter ins 63 sm entfernte Kuressaare auf der Insel Saremaa/Estland gehen.

Sonnabend, 16. Juni 2007

Die Windprognose (NE 4-7 Bft, Schauerböen) läßt uns den ursprünglich geplanten Start nach Estland um einen Tag verschieben. Nach dem wir um 07:00 Uhr bereits Vorbereitungen zum Ablegen getroffen hatten, legen wir uns nochmals hin und schlafen bis 11:30 Uhr. Anschließend geht es wieder in die Satdt.

Abend sind wir auf der HR 39 Carpe Diem zu Gast. Es wird ein schöner und interessanter Abend, bei netten Leuten und sehr gepflegten badischen Weinen.

Nachfolgend einige Fotoimpressionen über das blumengeschmückte Ventspiel:

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