Wir starten nach Liepaja (Liebau) in Lettland

09. Juni 2007

Heute soll es weitergehen. Gern wären wir noch in Nida geblieben. Aber unser Ziel St. Petersburg in Russland, das wir bis spätestens 30. Juni erreicht haben wollen, ist noch mehr als 1.000 km entfernt. Am Vorabend waren wir Gast auf der Vreijheyd unserer Segelbekanntschaft Gisela und Wolfgang Kroog aus Osnabrück, die uns seit Leba in Polen immer wieder begegnen. Wir hoffen, sie irgendwo in Finnland nochmals zu treffen. Wer weiß? Es wird ein sehr netter und unterhaltsamer Abend, um 01:00 Uhr sind wir dann zurück auf unserer Aquamarin.

Sonnabend um 11:20 Uhr legen wir dann ab, nachdem wir vorher noch 500 Liter Wasser gebunkert und uns von dem selten netten Hafenmeister und den Kroogs verabschiedet haben. Nida, wir kommen mit Sicherheit nochmals wieder! Es ist auch heute sehr heiß und, wie üblich, haben wir kaum Wind. Nach 24,4 Seemeilen und vier Motorstunden über das Kurische Haff, lassen wir um 15:20 Uhr, bereits in Sichtweite von Klaipeda, den Anker auf fünf Meter Wassertiefe fallen, nehmen erst einmal ein erfrischendes Bad und machen uns dann einen gemütlichen Nachmittag und Abend mit Lesen (ist jetzt bis 23:30 Uhr noch möglich), Erzählen und Telefonieren mit unseren Kindern. Gegen Abend knattern von allen Seiten kleine Motorboote mit Anglern aus Klaipeda auf uns zu, wir sind am anderen Morgen förmlich von Schlauch- und anderen Booten umzingelt.

Spiegelglattes Kurisches Haff

Baltisches Blau, ein unbeschreibliches Licht

Ankern in Síchtweite Klaipedas

Abendessen im Cockpit

Sonnenuntergang in der Nehrung

Anglerheerscharen kommen aus Klaipeda, wir sind umzingelt!

Bettina kurz vor 24:00 Uhr im Cockpit

10. Juni 2007

Das Handy sollte uns um 07:00 Uhr wecken, tut's aber nicht; ist noch auf deutsche Zeit eingestellt. Bettinas innere Uhr weckt uns denoch pünktlich. Wetter wieder traumhaft! Kurz gefrühstückt, Anker auf und schon geht's los, 3,6 Seemeilen bis Klaipeda, wo wir offiziell aus Litauen ausklarieren müssen. Ab 8:00 Uhr ist das möglich; wir machen dann auch bereits kurz nach 08:00 an der Zollpier fest. Die fast nicht glaubhaften und für Litauen blamablen technischen und formalen Gegebenheiten haben wir schon in unserem Einreisetagebuch beschrieben. Der schlechte Eindruck von der Einreise verfestigt sich jetzt weiter. Kein Mensch da! Vielleicht hätten wir über Funk auf uns aufmnerksam machen sollen. Wird jetzt per Handy nachgeholt, was auch nach einigen Verständigungschwierigkeiten klappt. Fünfzehn Minuten später sind Zöllner/Grenzschutz da, parken ca. 100 Meter von unserem Steg entfernt, hupen einmal laut und bewegen ihren Hintern nicht um einen Zentimeter aus ihren Autos. Mir ist nicht ansatzweise klar, dass wir gemeint sein könnten, zumal die Zollpier eingezäunt und überhaupt nicht erkennbar gewesen ist, wie ich auf den Parkplatz hätte gelangen können. Erst Rufe und Zeichen zweier Besatzungsmitglieder eines russischen Fischtrawlers, die das Spielchen wohl schon kannten, zeigen mir den Weg durch ein bewachtes (!) Schlupftor, durch das ich mich dann in Richtung der arrogant abwartenden Grenzschutzbeamten zum Ausklarieren bewegen kann. Warum die Besatzungen der beiden Fahrzeuge nicht unmittelbar bis an unser Boot, bzw. den Trennzaun gefahren sind, hat sich mir absolut nicht erschlossen. Da der Parkplatz ca. 4-5 Meter über Wasserniveau hat, ist von Aquamarin lediglich der obere Teil des Mastes zu sehen. Auf die Frage, wo mein Boot liegt, wies ich in Richtung des Mastes. Das reicht denen offensichtlich, zeigt aber auch, was für eine Farce hier aufgeführt wird. Mit uns waren in diesen Tagen drei deutsche Segelyachten in Klaipeda, alle Besatzungen hatten wie wir das Gefühl, hier nicht willkommen und auch nicht unbedingt erwünscht zu sein. Wenn nicht das wunderschöne Nida, mit sehr netten Menschen und einer traumhaften Landschaft gewesen wäre, würden wir Litauen als Irrtum abbuchen und zukünftig meiden. Ob das wohl gewollt ist?

Angeln, ein Volkssport. Auch im Fahrwasser!

Zum Ausklarieren in Klaipeda angelegt.

Anlegestelle für die Ein-/Ausklarierung

 

Nach 28 Seemeilen wird um 12:20 Uhr die Grenze von Litauen nach Lettland überquert,
die Gastlandflagge Litauens eingeholt und ...

... die Gastlandflagge Lettlands unter der Steuerbordsaling gehisst

Sie wird uns nun die nächsten Tage begleiten.

Der Vorhafen Liepajas kommt in Sicht, Wind fast Null!

Um 18:15 Uhr liegt Aquamarin sicher vertäut am Yachtsteg von Liepaja/Lettland

 

Liepaja/Lettland, 10. Juni 2007

 

Lettland hat rund 2,3 Mio Einwohner, die Hauptstadt ist Riga. Liepaja ist mit kapp 90.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes. 58% Letten, knapp 30% Russen, Rest Weißrussen, Ukrainer, Polen, Litauer und sonstige. Der Anleger im südlichen Hafenkanal grenzt unmittelbar an die Altstadt und bietet ausreichend Platz für Gastyachten. Die Hafenpromenade (für Ausländer die ganze Stadt) war noch während der sowjetischen Besatzungszeit Sperrgebiet! Wir werden hier bereits erwartet!

Um 18:15 Uhr legen wir nach 10:45 Stunden und 62,9 Seemeilen (116,5 km), davon nur 9,1 sm gesegelt, in Lipaja an. Beim Anlegemanöver nimmt der aufmerksame Hafenmeister unsere Leinen an und erledigt mit unseren Personalausweisen binnen 10 Minuten alle Formalitäten und auch das Einklarieren. So geht es also auch! Hier sind wir wirklich willkommen und werden nicht als lästig oder gar störend empfunden! Wir werden unmittelbar nach unserer Ankunft auch mit ausführlichen Informationen, Stadtplan und touristischen Publikationen versorgt! Nur wenige Meter von unserem Liegeplatz entfernt befinden sich in einem alten, restaurierten und modernisierten Speichergebäude das Hafenmeisterbüro, supermoderne Sanitärräume, Waschmaschine und Trockner, alles in Top-Zustand, ein bemerkenswerter Standard. Im benachbarten Promenadenhotel kann man nicht nur an der Bar ausspannen, auch die Sauna steht den Gästen der Marina (gegen Entgelt) zur Verfügung.

Wir gehen zu Fuß in das Stadtzentrum, dort sehr gut essen, bummeln und kurz vor 22:00 Uhr (es ist Sonntag!) auch noch einkaufen. Was wohl Verdi in Deutschland dazu sagen würde? Hier ist für uns einfach alles rund! Wir werden morgen noch bleiben und uns Liepaja zu Fuß und per Rad ansehen.

Ende des 19. Jahrhunderts war Liepaja ein bekannter Kurort. Prächtige Jugendstil- und Gründerzeitvillen zeugen noch heute von dieser Blütezeit der Stadt. Im zweiten Weltkrieg stark beschädigt, wurden viele Gebäude der Altstadt zwischenzeitlich originalgetreu wieder aufgebaut. Pulsierender Mittelpunkt sind die Markthallen. Die Hauptatraktion dieser interressanten Stadt ist ihr kilometerlanger schneeweißer Sandstrand.

 

 

 

Liepaja/Lettland, 11. Juni 2007

 

Gegen 07:00 Uhr prasselt ein Regenschauer auf unser Boot. Ist das gemütlich in unserer Achterkajüte. Man rollt sich und schläft weiter. Um 09:00 Uhr ist der Himmel wieder wolkenlos, wie es sich gehört und wie wir es jetzt seit über drei Wochen gewohnt sind. Es ist herrlich warm, das nördliche (baltische) Licht kaum zu beschreiben. Wir frühstücken und machen uns zu den Markthallen der Stadt auf. Zwischendurch werden mehrere Kirchen besichtigt, die Hl. Dreifaltigkeitskirche mit der bis 1912 größten Orgel der Welt und St. Anna, deren Turm wir besteigen und wo wir uns im Gästebuch verewigen.

Am frühen Nachmittag starten wir erneut, diesmal an den nahen Ostseestrand, machen dort einen längeren Spaziergang an der Wasserkante um anschließend zum ca. 10 km entfernten Stadtteil Karosta, dem ehemaligen russischen Kriegshafen zu radeln. Dort waren unter anderem die Atomunterseeboote der russischen Ostseeflotte stationiert, was für den Alltag der Menschen bedeutete, dass das gesamte Stadtgebiet dauerhaft gesperrt und nur mit besonderem Passierschein zu betreten gewesen ist. Ein Ghetto scheint es heute noch zu sein. Unser Eindruck ist verheerend! Eine zersiedelte und großflächig zerstörte Landschaft, Baracken, Trümmer und die den gesamten ehemaligen Ostblockstaaten kennzeichnenden abrissreifen Plattenbauten bestimmen das Bild. Unsere Momentaufnahme: Menschen (meisten Männer) ohne Halt, Hoffnung und vermutlich ohne Zukunft, versuchen gelangweilt und teilweise alkoholisiert den Tag tot zu schlagen. Besatzer, die bestimmten, wo es lang ging und die sich nahmen, was sie wollten, das Land verwüsteten, wie sie wollten, müssen sich jetzt ein- und unterordnen und auch noch die Landessprache lernen. Das fällt schwer, wird als ungerecht empfunden und weckt Sehnsüchte nach den guten alten Zeiten. Woran erinnert uns das bloß?

Die prächtige St. Nikolas Kathedrale der orthodoxen Christen hebt sich in dieser Umgebung wie ein Fremdkörper ab. Bettina, sommerlich und mit einer Hose bekleidet, wagt nur einen kurzen Blick ins Innere des Gotteshauses. Ihr Outfit entspricht nicht der Kleiderordnung, was wir zu akzeptieren haben.

 

Aquamarin unter strahlend blauem Himmel

Der strahlend weiße Ostseestrand, ein Markenzeichen von Liepaja

Karosta: Die Fotos geben die Trostlosigkeit auch nicht annähernd wieder

Wie ein Licht im Dunkeln: Die St. Nikolas Kathedrale

Dierekt neben der Kathedrale: Die Platte, wie wir sie kennen. Die Städteplaner und Neuerer des gesamten Ostblocks gehören für ihre Schandtaten gegen jegliche Ästhetik lebenslang in ihren Bauten eingesperrt

Kurz nach der Rückkehr von unserer 26 km langen Fahrradtour in eine andere Welt, treffen Hermann Krückeberg aus Bremen mit seiner dreiköpfigen Crew und Norma und Jon Erik Saugen plus Segelfreund aus Kongsberg in Norwegen mit ihren Segelyachten in Liepaja ein. Man trifft sich am Steg, tauscht Erfahrungen aus und geht später gemeinsam essen. Es wird ein angenehmer, unterhaltsamer Abend. Wahrscheinlich werden wir uns alle in Ventspils, ca. 100 sm weiter nördlich, in zwei Tagen wiedersehen.

Hier geht es weiter ...                           ... und hier gehts zurück