Von Borgholm nach Stockholm

Freitag, 19. Juni 2009

Das Wetter ist wieder aprilmäßig. Die Sonne wechselt sich mit dicken schwarzen Wolken ab. In der Sonne ist sogar warm, so dass uns eine Ahnung von Sommer befällt. Wird die Sonne von Wolken verdeckt, ist es sofort kühl. Der Wind weht aus SW mal schwach und dann wieder überfallartig mit guten 20 Knoten. Wir stehen spät auf und trödeln unlustig herum. Wegen der guten Internetverbindung lese ich beim Frühstück das Göttinger Tageblatt der gesamten Woche und bringe auch unsere Homepage auf den neuesten Stand.

Erst um 12.40 legen wir ab. Auf den 17 Seemeilen bis zur Hauptstadt der Insel Öland und gleichzeitig dem Sommerresidenz des schwedischen Königshauses, Borgholm, wechseln sich Segel- und Motorphasen permanent ab. Die Windstärke schwankt zwischen Flaute und Starkwind. Kurz bevor wir in Borgholm anlegen frischt es kräftig und mit Regenschauern durchsetzt auf. Bereits vor dem Hafen hören wir ohrenbetäubende Discomusik, die Bässe bringen unser Rigg zum Schwingen. Die Jugend Ölands feiert feuchtfröhlich und äußerst laut das Mittsommerfest. Für unsere Altersgruppe wird leider nichts angeboten.

Nach einem regenfeuchten Einkaufsbummel durch den Ort ziehen wir uns relativ schnell wieder auf unser warmes Boot zurück. Hier ist erst einmal Zeitung lesen angesagt, bevor wir für unsere Verhältnisse früh und begleitet von wummernden Bässen aus allen Richtungen (Discotheken, Boote) ins Bett gehen.

Sonnabend, 20. Juni 2009

Um 08.00 werden wir von hektischen Rufen und einem nachfolgenden lauten Knall, verbunden mit einem kräftigen Stoß gegen unser Boot unsanft geweckt. Blitzschnell ziehe ich mich notdürftig an und stürze nach draußen. Etwa 50 Meter entfernt strebt die holländische Segelyacht Ilse dem Hafenausgang zu. Das sieht verdammt nach Fahrerflucht aus. Auf meine lautstarken Anrufe hin, sofort zurückzukommen, kehrt Ilse um und nähert sich unserem Boot. Inzwischen habe ich, so schnell wie es eben geht, das Heck von Aquamarin inspiziert und an der Badeplattform eine Delle mit Lackschäden entdeckt. Ich bin noch mit der Einschätzung des Schadens beschäftigt, als die stämmige holländische Bordfrau bereits lautstark von sich gibt, der Schaden sei nicht durch sie verursacht, im übrigen hätten sie selbst lediglich einen kleinen Kratzer am Bug. Ach ja. Gleichzeitig gibt ihr Mann kleinlaut von sich, jeder kann doch mal einen Fehler machen. Meine Feststellung, dass es doch darum gar nicht geht, sondern dass man nach einem solchen Vorfall nicht einfach Fersengeld geben kann, wird mit Unverständnis aufgenommen. Ich habe schnell genug von der ziemlich fruchtlosen Diskussion, winke ab und lasse die Sache auf sich beruhen. Mit ein wenig Spachtel, Grundierung und Lack wird sich der Schaden beheben lassen. Ein Versuch, Kapital aus dem Malheur zu schlagen, kommt ohnehin nicht in Frage. Zum Glück haben wir ja ein Aluminiumboot.

Ich glaube noch vom holländischen Skipper gehört zu haben, sollten wir uns in irgendeinem Hafen einmal wieder treffen, würde er eine Flasche Wein vorbei bringen. Na dann prost, da bin ich sehr gespannt drauf. Der Vorfall erinnerte mich an einen Besuch Amsterdams vor vielen Jahren: Dort brummte eine Dame (?) rückwärts auf die Stoßstange unseres stehenden Autos. Die gute Frau stieg aus, besah sich die ramponierte Stoßstange ohne ein Wort, stieg in ihren Pkw und brauste, noch ehe wir ihre Autonummer festhalten konnten, davon. Ein glatter Fall von Fahrerflucht, oder Frechheit siegt.

Das Wetter hat sich seit gestern nicht wesentlich verändert. Wir frühstücken nach dem Vorfall in Ruhe und bereiten unsere Weiterfahrt nach Fiegeholm, auf das schwedische Festland vor. Um 10.50 legen wir ab. Die 32 Seemeilen gestalten sich wie am Vortag. Sonne, Wolken, Regen, Wind, Flaute .... von allem ist etwas dabei. Um 16.20 legen wir im malerischen Gästhafen von Fiegeholm an. Hier hat gestern eine rauschen Mittsommernachtsfeier stattgefunden, an der 80 schwedische Segler und etwa 40 deutsche und dänische Gäste teilgenommen haben. Es wurde gegrillt, gegessen, getrunken, gemeinsam gesungen und zu Livemusik getanzt. Es soll eine sehr schöne Feier gewesen sein. Leider sind wir einen Tag zu spät gekommen. Wir werden uns diesen Ort jedoch vormerken.

Aquamarin im Hafen von Fiegeholm

Übrigens: Kaum haben wir angelegt, reißt der Himmel auf und es wird freundlich. Ab Sonntag soll ja hier oben der Sommer zurückkommen oder besser, anfangen. Mitte der Woche sollen die Temperaturen schon auf 25° steigen. Wir können es kaum glauben!

Sonntag, 21. Juni 2009

Erst um 11.00 verlassen wir den hübschen Hafen von Fiegeholm. Wir werden bestimmt nochmals wieder kommen und dann mehr Zeit mitbringen. Der Sonntag beginnt deutlich wärmer als seine Vortage. Der Himmel ist erst strahlend blau, im Verlauf kommen doch einige Wolken auf und es wird heiter bis wolkig. In Fiegeholm beginnend windet sich ein sehr enges Fahrwasser mit häufig notwendigen Richtungsänderungen durch den Schärengarten bis hin zum Atomkraftwerk Simpevarp. Von dort an wird die Fahrt entspannter. In Fiegeholm liegt Infomaterial zu dem Kraftwerk und zum an gleicher Stelle 800 Meter tief in die Erde getriebenen Entsorgungsstollen für die Brennelemente aus. Besichtigungen sind möglich. Der Umgang mit der Atomkraft scheint in Schweden deutlich entspannter als in Deutschland abzulaufen. Es werden auch weiterhin noch Atomkraftwerke geplant und gebaut. In Deutschland wäre das (zur Zeit) unmöglich.

Atomkraftwerk Simpevarp

Es ist entspanntes Segeln angesagt

Nach genau 8 Stunden und im Kielwasser gelassenen 45,5 Tagesmeilen erreichen wir um 19.00 unseren Ankerplatz für die Nacht zwischen den Schären Langö und Häfso, 57°57, 15N und 16°47,27E. Wir Ankern auf fünf Meter Wassertiefe. Es gibt zum ersten Mal in diesem Jahr ein Abendessen im Cockpit. Später sehen wir noch den beeindruckenden Film Der seltsame Fall des Benjamin Button. Es folgt eine äußerst ruhige Nacht.

Unser Ankerplatz zwischen Langö und Häfso

 

Montag, 22. Juni 2009

Nach dem gestrigen Abendessen wird nun auch das Frühstück im Cockpit eingenommen. Es ist sonnig und schon sehr warm. Der bisher schönste Tag kündigt sich an. Nur das Wasser ist mit etwa 14° noch deutlich zu kühl. Wir verlassen unseren Ankerplatz um 11.05. Der Wind kommt aus E mit 1-3 Windstärken, so dass wir den größten Teil der heutige zurückgelegten 27,5 Seemeilen mit Geschwindigkeiten von 2,0 bis 6,5 Knoten segeln können und nur für Gegenwindpassagen Motorunterstützung brauchen.

Gegen 14.00 kommt unvermittelt pottendicker Seenebel auf. Nach einer halben Stunde ist der Spuk wieder vorbei.

Immer wieder passieren wir hautnah bebaute Schären

Um 16.15 machen wir nach insgesamt 27,5 Seemeilen an der heute als Tagesziel gewählten Schäre L. Missjö, 58°17,40N, 16°57,95E fest. Es ist ein selten schöner Naturhafen, in alle Windrichtungen geschützt.

Festgemacht wird an Bäumen oder mittels Felsnägel. Nach hinten sorgt der Heckanker für die notwendige Verspannung.

Das ist Natur pur!

 

 

Dienstag, 23. Juni 2009

Wir stehen wie üblich spät auf und frühstücken ausgiebig im Cockpit. Um 11.30 lösen wir unsere an Kiefern verknoteten Vorleinen und holen den Heckanker auf. Wir haben bereits 23° Celsius im Schatten und auch die Wassertemperatur hat sich sprungartig erhöht. 16,7 ° sind nach der langen Kälteperiode schon beachtlich. Noch ein oder zwei Tage und wir können anbaden. Der Wind bewegt sich zwischen absoluter Flaute und 1-3 Knoten. Es wird der erste Tag, an dem wir nicht ein einziges  Mal in die Verlegenheit kommen, die Segel aufzuziehen. Vom diesmal zu schwachen Wind jedoch einmal abgesehen, ist es ein Traumwetter. Wir haben allerdings auch das Gefühl, dass wir uns diesen Wetterumschwung redlich verdient haben.

Um 15.05 machen wir im Hafen Badhusviken von Oxelösund, 58°39,8N, 017°06,1E, nur noch 50 Seemeilen von Stockholm entfernt, fest. Hier waren wir bereits vor zwei Jahren einmal und wieder sind wir begeistert.

Zehn Minuten später bin ich schon im Internet, das hier mit einem hervorragenden Drahtlosnetzwerk kostenlos angeboten wird! Nach zwei Tagen ohne Verbindung zur Außenwelt will ich jetzt vor allenDingen wissen, ob sich das schöne Sommerwetter noch weiter hält. Und das sieht doch wirklich gut aus, oder?

Wetter.com gibt eine gleichlautende Prognose sogar über insgesamt 16 stabil warme Tage ab. Da scheint sich hoffentlich das lange erwartete Skandinavienhoch anzukündigen, das hier im Sommer häufig über viele Wochen stabil bleibt.

Mittwoch, 24. Juni 2009

Muss ich noch betonen, dass die Sonne wieder am blauen Himmel steht, dass es schon früh sehr warm ist und dass unser Frühstück im Cockpit stattfindet? Ich strampele anschließend mit meinem Fahrrad ins Ortszentrum von Oxelösund, um im staatlich lizensierten Säuferladen Systembolaget eine Flasche Whyski zu stark überhöhtem Preis zu erstehen. Da ich mit meinem guten Namen, hier meiner Visacard, bezahle, muss ich noch gleich meine Ausweisdaten hinterlassen. Nach meiner Rückehr besorge ich mir noch die Brücken- und Schleusenzeiten für den Södertäljekanal, den wir am Donnerstag/Freitag passieren wollen und dann legen wir um um kurz vor 12.00 ab.

Von den insgesamt 28 Seemeilen auf unserem Weg nach Trosa können wir immerhin 11 segeln, den Rest besorgt unser 67 PS Dieselmotor, wie immer ohne zu murren. Beim Anlegen verheddern wir uns in der Mooringleine des Nachbarbootes, was einige Komplikationen mit sich bringt. Außerdem hatte unsere Schraube mit der unter Wasser gezogenen Festmacherboje Kontakt. Statt im besten Kaffee des Ortes Cappucino zu schlürfen, muss ich letzten Endes ins Wasser, um unser Ruder von einer Leine zu befreien. Damit habe ich wenigsten in dieser Saison angebadet! Dies ist allerdings nur die Kurzform der über eine Stunde dauernden Befreiungsversuche. Schwamm drüber!

Uns gegenüber liegt der Götakanaldampfer Wilhelm Tham. Vielen bekannt aus dem Bestseller "Die Tote im Götakanal".

 

Trosa ist ein Bilderbuchort mit 7.500 Einwohnern, an der Mündung eines kleinen Flüsschens gelegen. Links und rechts des malerischen Wasserlaufs  führen Spazierwege in den von Holzhäusern, Cafes und Restaurants geprägten Ort. Die atmosphärisch wunderschön angelegte Hafenanlage zieht Wassersportler und Touristen magisch an. Die nachfolgenden Fotos versuchen unsere Eindrücke ein wenig wiederzugeben.

Zum Tagesabschluss gehen wir essen

Donnerstag, 25. Juni 2009

Wir machen uns um 11.00 von Trosa aus auf den Weg nach Södertälje, dem südlichen Zugang zum Mälarensee. Der Weg über den Mälaren nach Stockholm ist zwischen 20 bis zu 40 Seemeilen kürzer als der Weg "außen herum" über die Ostsee. Das Wetter ist hochsommerlich, der thermische Wind ermöglicht es uns insgesamt 10 von 27,5 Seemeilen zu segeln. Um 15.15 machen wir in Södertälje an stark schwankenden Stegauslegern fest. Wir müssen auf allen Vieren kriechen, um die Festmacherringe zu erreichen, ohne dabei ins Wasser zu fallen.

Auf der Terrasse der Hafenmeisterei trinken wir erst einmal ein Anlegebier. Zu uns gesellt sich der Hamburger Norbert Ahrens, der den größten Teil des Sommers allein segelt und nur gelegentlich seine Söhne oder seine Frau an Bord hat. Dann geht es per Fahrrad ins nahe Zentrum der Stadt und nach dem Abendessen nochmals ins Hafenrestaurant, wo jetzt eine schmissige Kapelle zum Tanz aufspielt.

 

Freitag, 26. Juni 2009

Um 10.30 schleusen wir in Södertälje und werden dabei um ca. einen halben Meter angehoben. Um 11.00 passieren wir nach einigen Minuten Wartezeit die Malärbron-Klappbrücke. Wir sind auf dem Weg zum Mälaren und nach Stockholm. Es ist nach Vänern und Vättern mit 1.140 km² der drittgrößte See Schwedens, mehr als zweimal so groß wie der Bodensee. Westlich von Stockholm gelegen, ist er bis zu 64 m tief und ist über den Södertälje-Kanal, die Hammarby-Schleuse, die Slussen-Schleuse sowie den Norrström mit der Ostsee verbunden. Bis zur Wikingerzeit war der Mälaren eine Ostseebucht; erst im 10. Jahrhundert wurde er durch die postglaziale Landhebung allmählich von der Ostsee getrennt. Die heutige Oberfläche des Sees liegt etwa 70 cm über dem Meer. Dem See wird Trinkwasser für etwa 1,3 Millionen Menschen entnommen. Am Mälaren liegen unter anderen die Städte Stockholm, Södertälje, Västerås, Enköping und Köping sowie berühmte Sehenswürdigkeiten wie das Schloss Gripsholm in Mariefred, das Schloss Drottningholm und der Handelsplatz aus dem 8. bis 10. Jahrhundert Birka.

 

Um 15.45 legen wir im Navishamnen/Stockholm nach genau 25 wunderschönen Tagesmeilen an. Wir haben unser Etappenziel Stockholm erreicht. Seit Fehmarn haben wir jetzt insgesamt 638 Seemeilen, davon 366 unter Segeln, zurückgelegt.

Im Stadtzentrum will ich am Geldautomaten der Handelsbank SEK von meinem Konto abheben. Der Versuch misslingt vollkommen. Statt Geld auszuspucken geht der Automat auf Störung und schluckt dafür meine Karte. Und das am Freitag abend um 20.00. Alle Versuche, den Automaten zu einer Herausgabe meiner Karte zu bewegen, scheitern. Nach 30 Minuten gebe ich auf. Auf dem Heimweg, gegen 23.00 funktioniert der Automat dann offensichtlich wieder. Ich bin gespannt, ob ich am Montag meine Karte unversehrt zurückerhalte.

Wir machen noch einen Spaziergang durch die Altsstadt Gamle Stan und kehren dann noch am Stortorget-Platz ein. Es macht Spaß, das bunte Treiben auf diesem Platz zu beobachten. Gegen 23.00 sind wir auf unserem Boot zurück.

Sonnabend, 27. Juni 2009

Um 10.00 kommt mein ehemaliger Klassenkamerad Dietrich, der seit vielen Jahren in Stockholm lebt, zu uns an Bord. Mit Bettina ist ein "Ausflug" mit Großeinkauf bei Lidl geplant. Am späten Nachmittag sind wir bei ihm und Rita in seinem Wohnhaus Danderyt zu Gast. Ein liebevoll gedeckter Tisch erwartet uns schon. Nach einem Begrüßungssekt werden wir 5-sternemäßig verwöhnt. Allen Diätplänen zum Trotz schlagen wir uns den Bauch voll. Nach einem längeren abendlichen Spaziergang mit Hund am nahen Gewässer, nehmen wir um 10.00 Abschied und machen uns mit Bus, U-Bahn und dann Fahrrad auf den Heimweg zu unserem Boot. Es war in jeder Beziehung ein wunderschöner Tag.

Bei Dietrich und Rita in Danderyt zu Gast

Sonntag, 28. Juni 2009

Es ist mit 30° Celsius der bisher heißeste Tag des Jahres und bereits der achte schöne Sommertag in Folge. Vergessen sind die etwas zu kühlen und sehr stürmischen Tage der Vorwochen. Heute abend wird unser Sohn für eine Woche an Bord kommen. Wir nutzen den Tag, um das Boot mal wieder auf Vordermann zu bringen, Wasser zu tanken, Wäsche zu waschen und.. und.. und.

Am Nachmittag machen wir eine längere Skype-Viedeo-Konferenz mit Tochter, Schwiegersohn und den Enkelkindern, die wir sehr vermissen.

  

  

In den nächsten Tagen werden wir uns im Stockholmer Schärengarten bewegen. Berichte dazu im nächsten Logbuchauszug.

 

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